Wer das hier im Sommer 2026 liest, sitzt vermutlich mittendrin: Bitcoin notiert seit gut neun Monaten unter seinem Oktober-Hoch, zeitweise mehr als halbiert. Und wer in dieser Lage nach Einordnung sucht, dem begegnen zwei Sorten Texte: Durchhalteparolen („Zyklen wiederholen sich!”) und Abgesänge („diesmal ist alles anders!”). Beide behaupten, die Zukunft zu kennen.

Das hier ist der dritte Weg: einfach nachschauen, was tatsächlich passiert ist. Jeder abgeschlossene Bitcoin-Bärenmarkt, mit Datum, Tiefe und Dauer — und danach die unbequeme Frage, was vier Datenpunkte eigentlich beweisen. (Spoiler: weniger, als man im Drawdown gern hätte.)

Vorab zwei Definitionen, damit die Zählung nicht willkürlich wirkt: Ich zähle Zyklen von Allzeithoch zu Allzeithoch — nicht jede 20-%-Korrektur, sonst wäre die Liste dreimal so lang. Danach gab es bisher vier abgeschlossene Bären. Der Einbruch 2019/20 (vom Zwischenhoch bei ~13.800 $ in den COVID-Crash bei ~3.900 $) fehlt in dieser Zählung bewusst: Er fand unterhalb des alten Allzeithochs von 2017 statt — nach der Hoch-zu-Hoch-Konvention ist er ein Kapitel im langen 2017er-Zyklus, kein eigener. Das ist eine Konvention, keine Wahrheit; ich sage sie nur laut, damit du sie prüfen kannst. Und: Alle Kurse in diesem Beitrag sind US-Dollar — in Euro sehen die Prozente wechselkursbedingt etwas anders aus.

Weites gefrorenes Meer unter tiefgrauem Winterhimmel, aufgebrochene Eisschollen bis zum Horizont, eine winzige einzelne Gestalt geht übers Eis

Symbolbild, KI-generiert.

Die vier abgeschlossenen Bären

Hinter jeder Zeile steckt eine eigene Geschichte — und die lohnt sich, weil sie zeigt, dass „der Zyklus” nie zweimal derselbe war.

2011 — der erste Absturz

Vom Juni-Hoch bei rund 32 $ auf die damals dominierende Börse Mt. Gox bezogen — ging es bis November auf rund 2 $. Minus 93 Prozent, bis heute der tiefste Bär der Geschichte. Berühmt wurde dabei ein Ereignis, das man sauber vom Bärenmarkt trennen muss: der „Flash-Crash” auf 0,01 $ am 19. Juni 2011. Das war ein börseninternes Hack-Ereignis auf Mt. Gox, von BitMEX Research seziert, die Trades wurden rückabgewickelt — der echte Bär spielte sich über Monate ab, nicht über Minuten. Bemerkenswert im Rückblick: Schon rund 21 Monate nach dem Peak stand ein neues Allzeithoch — die schnellste Rückeroberung aller Zyklen.

2013–2015 — die lange Wüste

Vom Hoch bei rund 1.150 $ Ende November 2013 auf 152 $ am 14. Januar 2015 (Bitstamp; andere Börsen etwas höher). Geprägt vom Kollaps derselben Börse, die 2011 den Flash-Crash lieferte: Mt. Gox stellte im Februar 2014 den Betrieb ein, rund 850.000 Kunden- und Firmen-BTC galten als verloren. Vor allem aber: 39 Monate vom Peak bis zum neuen Allzeithoch Anfang 2017. Wer heute neun Monate Drawdown lang findet — das hier war die Referenz für lang.

2017–2018 — die geplatzte ICO-Blase

Von knapp 20.000 $ im Dezember 2017 auf rund 3.100 $ fast exakt ein Jahr später, minus 84 Prozent. Der Bär, in dem die Altcoin-Rechnung präsentiert wurde: Ethereum fiel im selben Zeitraum um rund 94 Prozent, und fast die Hälfte der damaligen Top 10 — Bitcoin Cash, NEM, Stellar, IOTA — sah auch im nächsten Bullenmarkt nie wieder ein Allzeithoch. Ein dokumentiertes Langzeit-Experiment, das Anfang 2018 je 100 $ in die damaligen Top 10 steckte, lag nach sechseinhalb Jahren nur bei Bitcoin und Ethereum im Plus. XRP brauchte rund sieben Jahre, um das Niveau seines Januar-2018-Hochs wiederzusehen. Das ist der Teil, den rückblickende „Krypto erholt sich immer”-Charts systematisch verschweigen: Sie zeigen nur die Überlebenden.

2021–2022 — die Kaskade

Vom Hoch bei rund 69.000 $ im November 2021 auf rund 15.500 $ ein Jahr später, minus 77 Prozent — der „mildeste” Bär der Liste, und zugleich der mit der brutalsten Mechanik. Er kam in Wellen: Im Mai 2022 kollabierte Terra/Luna — über 40 Milliarden Dollar Marktwert binnen einer Woche ausgelöscht. Die Pleitewelle fraß sich durch verflochtene, intransparente Kredite: Celsius fror im Juni Auszahlungen ein, der Hedgefonds Three Arrows wurde liquidiert. Und im November brachte eine einzelne CoinDesk-Recherche über die Bilanz von Alameda binnen neun Tagen FTX zu Fall — erst danach, am 21. November, stand das Zyklustief. Neues Allzeithoch: März 2024, nach 28 Monaten.

Der laufende — ohne Prognose

Und jetzt der Zyklus, der noch läuft — mit der gebotenen Vorsicht: Er ist nicht abgeschlossen und gehört nicht in die Statistik oben — seine Zeile in der Tabelle ist bewusst als offen markiert.

Was belegbar ist: Allzeithoch am 6. Oktober 2025 bei rund 126.200 $. Eine erste Kapitulationswelle Anfang Februar 2026 bis knapp über 60.000 $. Das bisherige Tief am 25. Juni 2026 bei rund 58.100 $ — knapp 54 Prozent unter dem Hoch. Stand 23. Juli 2026 notiert Bitcoin rund 48 Prozent unter dem Oktober-Hoch; für den Tageskurs schau live nach, auf einer statischen Seite wäre er morgen falsch.

Ob das Juni-Tief das Tief war, weiß niemand — auch nicht die, die es behaupten. Die vier historischen Bären brauchten vom Peak bis zum Tief zwischen 5,5 und 13,5 Monate; der laufende ist bei Monat neun. Das ist eine Einordnung, wo wir stehen, keine Aussage, wohin es geht.

Ein junger Mann im hellen Tee sitzt ruhig an seinem Schreibtisch vor zwei Bildschirmen mit fallenden roten Kurscharts, warmes Lampenlicht

Der Survivor-Tee aus der Crypto Collection — Durchhalten, ohne Versprechen. Symbolbild, KI-generiert.

Was in Bären messbar passiert

Jenseits der Kurse gibt es Muster, die sich on-chain beobachten lassen — als Beschreibung wohlgemerkt, nicht als Signal:

Eine Frau mit schwarzer Cap, auf der eine kleine weiße Bär-Silhouette sitzt, blickt ruhig aus dem Fenster eines Betonraums

Die Bär-Cap aus der Crypto Collection. Symbolbild, KI-generiert.

Die Kleinen sammeln, wenn es weh tut

Im Bär 2022 nahmen die kleinsten Halter-Klassen laut Glassnode mehr Coins auf, als überhaupt neu geschürft wurden — direkt nach dem FTX-Kollaps mit Rekordtempo. Wer die Meerestier-Taxonomie dahinter kennenlernen will: Garnele, Fisch, Wal — wer die Coins wirklich hält. Das Muster wiederholt sich bisher im laufenden Drawdown; die Akkumulations-Kennzahlen der kleinsten Klassen standen laut CoinDesk/Glassnode Anfang Juli 2026 nahe Maximum.

Die Langzeithalter werden mehr, nicht weniger. Der Anteil der Coins in Händen von Langzeithaltern — nach Glassnodes 155-Tage-Heuristik, eine Konvention, keine Naturkonstante — stieg in den Bären 2015, 2019 und 2022 jeweils an. Verkauft wird von den Kurzfristigen; realisiert wurde dabei 2022 historisch viel Schmerz: Der Juni-Crash brachte laut Glassnode den größten in Dollar realisierten Tagesverlust der Bitcoin-Geschichte — rund 4,2 Milliarden an einem Tag.

Auch die Maschinen kapitulieren. In jedem harten Bär schalten unprofitable Miner ab; 2022 gingen börsennotierte Miner in die Insolvenz. (Der berühmteste Hashrate-Einbruch — minus 50 Prozent im Sommer 2021 — gehört übrigens nicht in diese Reihe: Das war Chinas Mining-Verbot, ein regulatorischer Schock, kein Preis-Ereignis. Die Hashrate stand noch im Dezember 2021 auf neuem Allzeithoch.)

Und die Nachrufe kommen pünktlich. Der halb-ironische „Bitcoin Obituaries”-Zähler von 99Bitcoins listet, Stand 23.07.2026, 477 Medien-Todeserklärungen seit 2010 — die Dichte war in Bärenmärkten stets am höchsten. Das ist eine kuratierte Sammlung mit Augenzwinkern, kein Datensatz. Aber als Stimmungs-Archiv ist sie unbezahlbar.

Warum das alles weniger beweist, als es scheint

Jetzt der Teil, der in Zyklus-Threads meistens fehlt.

Vier ist fast nichts. Vier abgeschlossene Bären, jeder mit anderem Auslöser (Börsen-Hack, Börsen-Kollaps, geplatzte ICO-Blase, Kredit-Kaskade), anderer Marktgröße, anderem Umfeld. Aus n=4 lassen sich keine Gesetze ableiten — jede „Zyklus-Regel” ist Mustererkennung auf einer Stichprobe, die in jeder anderen Disziplin als anekdotisch gelten würde.

Das Überleben beweist nichts. Dass Bitcoin bisher aus jedem Bär zurückkam, ist ein historischer Fakt. Daraus folgt für die Zukunft: logisch nichts. Das ist das Induktionsproblem, und es wird nicht dadurch kleiner, dass es auf einem Poster gut aussieht. Dazu kommt der Survivorship-Bias auf Asset-Ebene: Die Altcoin-Friedhöfe von 2018 und 2022 zeigen, wie „Krypto erholt sich immer” aussieht, wenn man auch die zählt, die sich nie erholt haben.

Und dieser Zyklus ist strukturell anders. Seit Januar 2024 gibt es in den USA börsengehandelte Spot-Bitcoin-ETFs — erstmals hängt ein regulierter Kapitalmarkt-Zugang direkt am Kurs. Ob das künftige Bären milder macht, härter, oder nur anders: offen. Die Debatte, ob der Vier-Jahres-Zyklus überhaupt noch existiert oder nur noch als selbsterfüllende Prophezeiung weiterlebt, wird unter Analysten offen geführt und ist nicht entschieden. Ich zähle mich zu denen, die es schlicht nicht wissen.

Was bleibt dann von diesem Beitrag? Das hier: Drawdowns von 77 bis 93 Prozent und Durststrecken von 21 bis 39 Monaten sind in diesem Markt kein Betriebsunfall, sondern der dokumentierte Normalfall. Wer das vorher weiß, trifft andere Entscheidungen als wer es im Monat neun herausfindet — welche, bleibt deine Sache. Was im laufenden Bär währenddessen konkret gebaut wird, dokumentiert der Marktbericht — als Bericht, nicht als Trost. Und diese Ungewissheit ehrlich auszuhalten, ohne Versprechen: Genau dafür steht das Survivor-Motiv der Crypto Collection — kein Versprechen, nur eine Haltung.

Ein gerahmtes Poster mit einem Unendlichkeitszeichen über der Zahl 21 000 000 hängt an einer Betonwand über einer Holzkommode, daneben eine Zimmerpflanze

Das „Scarcity”-Poster (die 21-Millionen-Grenze) aus dem Shop — die Haltung an der Wand. Symbolbild, KI-generiert.

Quellen und Grenzen

Die Zyklus-Daten stützen sich, wo möglich, auf zeitgenössische Berichterstattung und Primär-Recherchen (BitMEX Research, CoinDesk — inklusive der Alameda-Recherche, die den FTX-Kollaps auslöste —, NPR, CNBC, TechCrunch, Forbes, Glassnode). Historische Intraday-Extremwerte weichen je nach Börse ab — 2013 notierte Mt. Gox mit deutlichem Aufschlag —, deshalb stehen hier durchgängig gerundete Werte und Spannen; wer Cent-Beträge braucht, braucht eine Börsen- und Indexangabe dazu. Alle Monatsangaben sind aus den belegten Daten selbst gerechnet. Der laufende Zyklus ist in Tabelle und Text als offen markiert; sein „Tief” ist der bisherige Tiefpunkt, mehr nicht. Und einmal mehr: Aus nichts hiervon folgt eine Handlung — weder kaufen noch verkaufen noch halten.

Fragen, oder einen Fehler gefunden? Schreib mir.