Kein anderer Markt beschreibt seine Teilnehmer so wie dieser: Garnelen, Krabben, Fische, Haie, Wale. Man trägt seine Gewichtsklasse als Spitznamen, und die meisten tragen sie mit Humor — „Shrimp” ist im Space keine Beleidigung, sondern eine Standortangabe.

Mich interessiert an dieser Taxonomie etwas anderes: Sie ist der Schlüssel zu der Frage, wem Bitcoin eigentlich gehört. Und sie zeigt, warum fast jede Schlagzeile über „Konzentration” an derselben Stelle falsch abbiegt. Das hier ist der Versuch, die Verteilung einmal ehrlich aufzudröseln — mit Zahlen, die belegt und datiert sind, und mit den Grenzen gleich daneben.

Tiefdunkles Ozeanwasser mit Lichtstrahlen von der Oberfläche: in der Ferne die Silhouette eines riesigen Wals, im Vordergrund ein winziger Schwarm kleiner Fische — der Größenunterschied ist das Bild

Symbolbild, KI-generiert.

Die Taxonomie

Die heute gängige Einteilung stammt vom Analysehaus Glassnode, das Bitcoin-Halter nach Bestandsgröße in acht Meerestier-Klassen sortiert:

Zwei Dinge dazu, bevor die Tabelle Schaden anrichtet. Erstens: Eine offizielle Wal-Definition gibt es nicht — die Tiernamen sind Research-Vokabular; verbreitetste Konvention ist „Wal = mindestens 1.000 BTC”. Zweitens, und das ist der wichtigste Satz dieses Beitrags: Diese Klassen zählen Entities — per Cluster-Analyse geschätzte Akteure —, nicht Adressen. Der Unterschied klingt technisch und ändert alles; dazu gleich.

Woher die Meerestier-Metapher kommt? Die gängige Erzählung führt zum Casino-Jargon, wo „Whales” die Spieler mit den ganz großen Einsätzen sind. Sauber dokumentiert ist diese Herkunft nicht. Sicher ist nur: Spätestens 2014 war das Bild fest etabliert — als ein anonymer Halter eine Verkaufsorder über rund 30.000 BTC weit unter Marktpreis auf Bitstamp stellte, taufte die Szene ihn binnen Stunden „BearWhale”, der Markt absorbierte die Order, und das „Slaying of the BearWhale” wurde Community-Folklore samt Fanart.

Ein Mann in einem dunklen Hoodie mit einem gestickten Buckelwal auf der Brust, in einem hellen Loft — ruhige, getragene Aufnahme.

Der Wal-Hoodie aus der Crypto Collection — der Buckelwal als Stickmotiv, der Anker der Reihe. Symbolbild, KI-generiert.

Adresse ist nicht Person

Jetzt der Teil, an dem die meisten Statistiken scheitern.

Stand 23. Juli 2026 gilt, nach Adressen gezählt (BitInfoCharts, live): Rund 98,6 % aller Bitcoin-Adressen halten weniger als 1 BTC — zusammen aber nur etwa 7,3 % der Coins. Am anderen Ende halten 2.040 Adressen mit je mindestens 1.000 BTC rund 36 % des Umlaufs. Das sind etwa 0,003 % aller Adressen.

Wer daraus „0,003 % besitzen ein Drittel von Bitcoin” macht, hat den entscheidenden Fehler schon gemacht. Der berühmteste Fall: Ende 2020 lief die Zahl „2 % der Accounts kontrollieren 95 % aller Bitcoin” durch die Weltpresse — gezählt wurden Adressen. Eine Bitcoin-Adresse ist aber kein Konto und erst recht keine Person, und zwar in beide Richtungen:

Eine Adresse, Millionen Menschen

Die größte Bitcoin-Adresse überhaupt ist eine Cold Wallet von Binance — rund 248.600 BTC, von der Börse selbst als eigene Verwahradresse ausgewiesen (Stand 23.07.2026; Zuordnung aus dem Proof-of-Reserves-Blogpost von 2022). Nach Adress-Statistik ist das ein einziger Mega-Buckelwal. Tatsächlich liegen dort Kundengelder einer Börse, die nach eigenen Angaben über 300 Millionen registrierte Konten hat. Der „Wal“ ist ein Parkhaus.

Ein Akteur, tausende Adressen

Die mutmaßlich Satoshi Nakamoto zuzurechnenden ~1,1 Millionen BTC liegen verteilt auf rund 22.000 Adressen mit je 50 BTC — ein einzelner früher Miner, der in der Adress-Statistik wie tausende brave Mittelklasse-Halter aussieht. (Das ist eine gut begründete Schätzung auf Basis des „Patoshi“-Musters von Sergio Demián Lerner, keine bewiesene Tatsache — die Coins wurden seit 2009/2010 nie bewegt.)

Glassnodes Entity-Zählung versucht, genau das zu korrigieren: Adressen, die erkennbar derselbe Akteur kontrolliert, werden zu Clustern zusammengefasst — mit Heuristiken, die auf akademische Arbeiten zur Blockchain-Analyse zurückgehen. Wichtig für die Ehrlichkeit: Auch das ist eine statistische Schätzung mit proprietären Regeln, keine Messung. Aber sie ist die deutlich bessere Näherung.

Und entity-bereinigt kippt das Bild: Statt „2 % kontrollieren 95 %” ergab Glassnodes Gegenrechnung Anfang 2021 rund 71,5 % für die obersten 2 % der Entities — wovon wiederum ein erheblicher Teil Börsen und Verwahrer sind, die Coins für Millionen Menschen halten. In der letzten vollständig öffentlichen Aufschlüsselung (2022/23) hielten Garnelen entity-bereinigt rund 6,6 % des Umlaufs, Krabben rund 10,5 %, Wale ab 1.000 BTC (ohne Börsen) rund 34 %. Aktuellere Entity-Zahlen liegen hinter Bezahlschranken — ich schreibe lieber „Stand 2022/23” dran, als so zu tun, als wären sie von heute.

Wer die großen Bestände wirklich hält

Die interessanteste Entwicklung der letzten Jahre: Die größten Wale haben inzwischen Namen. Stand Juli 2026, jede Zahl mit ihrer Quelle datiert:

  • Satoshi Nakamoto: ~1,1 Mio. BTC (Schätzung, s. o.) — unbewegt seit über sechzehn Jahren. Bezogen auf die 21-Millionen-Obergrenze sind das gut 5 %.
  • US-Spot-ETFs zusammen: ~1,22 Mio. BTC (Aggregation der offiziellen Fonds-Meldungen, 21.07.2026), davon allein BlackRocks IBIT ~737.000 BTC (17.07.2026). Zum Vergleich: Die ETFs gibt es erst seit Januar 2024.
  • Strategy (früher MicroStrategy): 843.775 BTC (Treasury-Tracker, 06.07.2026) — größte Unternehmens-Position der Welt. Die Story-Wendung des Sommers: Anfang Juli 2026 hat ausgerechnet der „never sell”-Wal erstmals in größerem Stil verkauft — 3.588 BTC, um Dividenden zu finanzieren.
  • US-Regierung: ~325.000 BTC nach On-Chain-Zuordnung (Arkham, 15.07.2026) — größtenteils beschlagnahmte Coins, seit März 2025 formal in einer „Strategic Bitcoin Reserve” mit Verkaufsverbot. Teile davon sind noch in Gerichtsverfahren, die Zuordnung ist Cluster-Analyse, keine Staatsbilanz.
  • China: ~194.000 BTC aus der PlusToken-Beschlagnahme von 2019 — falls sie noch da sind. Ob China hält oder längst verkauft hat, ist offen umstritten; es gibt prominente Stimmen für beides. Deutschland übrigens hat seine rund 50.000 beschlagnahmten BTC 2024 komplett verkauft.
  • Börsen zusammen: grob 2,4 Mio. BTC (Größenordnung; April 2026) — fast vollständig Kundengelder. Die Börse ist Verwahrer, nicht Wal.
  • Verloren: die meistzitierte Schätzung (Chainalysis, 2017) kam auf 2,8–3,8 Mio. BTC — wobei sie Satoshis Coins mitzählt. Neuere Auswertungen landen im Mittel um ~3 Mio. „Verloren” ist dabei immer Interpretation: Beobachtbar ist nur „lange unbewegt”, und es gibt genug Fälle, in denen Zehn-Jahre-Schläfer plötzlich aufwachten.

Rechnet man nach Halter-Typ statt nach Größe, kommt die wohl beste öffentliche Gesamtschätzung (River Research, August 2025) auf rund zwei Drittel des Umlaufs in den Händen von Privatpersonen. Der Rest verteilt sich auf Fonds, Unternehmen, Staaten — und die Verlorenen.

Noch eine Ehrlichkeits-Fußnote zu den Prozenten: Manche Zahlen beziehen sich auf den Umlauf (~20,1 Mio. BTC, Stand Juli 2026), manche auf die 21-Millionen-Obergrenze. Ich habe die Basis jeweils dazugeschrieben — wer das nicht tut, kann sich mal eben um ein paar Prozentpunkte verrechnen, ohne zu lügen.

Was der Bärenmarkt mit den Klassen macht

Der Grund, warum diese Taxonomie mehr ist als Folklore: Sie macht sichtbar, wer in welchen Marktphasen kauft — und die Daten dazu erzählen seit Jahren dieselbe bemerkenswerte Geschichte.

Im Bärenmarkt 2022 absorbierten die Garnelen laut Glassnode 105 % der Neuemission — sie nahmen also mehr Coins auf, als überhaupt neu gemined wurden. Die Krabben kamen auf 119 %. Direkt nach dem FTX-Kollaps im November 2022 erreichten die Zuflüsse der beiden kleinsten Klassen Rekordwerte. Im Crash kauften die Kleinen; Wale, Miner und Börsen verloren im selben Zeitraum Supply-Anteil.

Dichter Schwarm winziger, durchscheinender Garnelen im dunklen Wasser, von einem schwachen Lichtstrahl von oben erfasst — einzeln klein, zusammen füllen sie das Bild

Symbolbild, KI-generiert.

Und der aktuelle Drawdown — Kurs seit dem Oktober-Hoch 2025 zeitweise mehr als halbiert — wiederholt das Muster bisher auffällig genau: Im Januar 2026 akkumulierte die Kohorte von 10 bis 1.000 BTC binnen dreißig Tagen rund 110.000 BTC, so schnell wie seit dem FTX-Kollaps nicht (CoinDesk/Glassnode, 18.01.2026). Anfang Juli 2026 zeigten die Akkumulations-Scores die kleinsten Klassen nahe Maximum — und die größten Wale nahezu neutral (CoinDesk/Glassnode, 02.07.2026).

Ich schreibe das als Beschreibung, nicht als Signal. Dass Garnelen in Angstphasen historisch akkumuliert haben, sagt nichts darüber, ob das diesmal klug ist — 2022 sah es Monate lang sehr falsch aus, bevor es sehr richtig aussah. Die Daten zeigen Verhalten, keine Zukunft.

Was die Klassen nicht zeigen

Bevor du die Taxonomie zu ernst nimmst — vier blinde Flecken, die man kennen sollte:

  • Verwahrung verdeckt Eigentum. Die ~2,3 Mio. BTC auf Börsen standen schon 2023 für geschätzt ~130 Mio. Kundenkonten. On-chain: eine Handvoll Buckelwale. Wirtschaftlich: Millionen Garnelen. Dasselbe gilt für die ETFs — deren Bestände liegen zu rund 80 % bei einem einzigen Verwahrer (Coinbase Custody), gehalten für Millionen Depots.
  • Papier-Ansprüche sind keine Coins. Das brutalste Anschauungsbeispiel bleibt FTX: Als die Sanierer im November 2022 übernahmen, fanden sie 105 BTC on-chain vor — bei Kundenansprüchen von knapp 100.000 BTC. Ein Kontostand auf einer Plattform ist ein Anspruch gegen eine Firma, kein Bestand in einer Klasse.
  • Auch die Gegenrichtung stimmt nicht ganz. Wer aus alldem schließt, Konzentration sei nur ein Mess-Artefakt, übertreibt in die andere Richtung: Die gründlichste akademische Analyse (NBER, Makarov/Schoar 2021) fand auch nach Clustering und Herausrechnen der Verwahrer rund 5 Mio. BTC bei den obersten 10.000 Privat-Haltern — etwa 27 % des damaligen Umlaufs. Bitcoin ist deutlich breiter verteilt, als die Adress-Schlagzeilen behaupten, und deutlich konzentrierter, als die Verteidiger gern hätten. Beides gleichzeitig.

Die Arithmetik am Ende

Eine Rechnung braucht keine Studie, nur Division: 21 Millionen BTC geteilt durch gut acht Milliarden Menschen sind etwa 0,0026 BTC pro Kopf. Selbst bei perfekter Gleichverteilung — die es nie geben wird — könnten also höchstens rund 0,26 % der Menschheit je einen ganzen Bitcoin halten. Real sind es weit weniger: Stand 23.07.2026 gibt es rund 979.000 Adressen mit mindestens 1 BTC — selbst wenn jede davon ein eigener Mensch wäre (sind sie nicht, siehe oben), wären das unter 0,02 % der Weltbevölkerung.

Die im Space kursierende Faustregel, mit 0,28 BTC gehöre man rechnerisch zum obersten Prozent, stammt übrigens aus einer Serviette-Rechnung von Steve Lee (2018), viral wurde sie 2020 — und sie ignoriert verlorene Coins, Institutionen und die Realität der Verteilung. Als Bonmot okay, als Zahl mit Nachkommastelle nicht.

Vielleicht ist es das, was die Meerestier-Sprache so langlebig macht: Sie ist ehrlicher als die meisten Statistiken über sie. Sie gibt zu, dass es Gewichtsklassen gibt. Sie macht keine Versprechen, in welche man aufsteigt. Und sie hat den Humor, die unterste nach einem Tier zu benennen, das in jeder Angstphase der letzten Jahre still weitergesammelt hat.

Eine Frau in einem dunklen Hoodie mit einem gestickten Garnelen-Motiv, in einer hellen Küche — ruhige, getragene Aufnahme.

Der Garnelen-Hoodie aus der Crypto Collection — die kleinste Klasse, benannt nach dem Tier, das nie aufhört zu sammeln. Symbolbild, KI-generiert.

Wer seine Gewichtsklasse ohnehin mit Humor trägt: Die Crypto Collection im Shop buchstabiert genau diese Hierarchie in Stoff — vom Shrimp-Hoodie bis zum Tiers-Tee.

Quellen und Grenzen

Die Adress-Zahlen (BitInfoCharts) und die Lightning-/Explorer-Daten sind live abgerufen am 23.07.2026 und veralten ab sofort; vor Veröffentlichung dieses Beitrags aktualisiere ich sie. Die Entity-Aufschlüsselung ist ehrlich mit 2021 bzw. 2022/23 datiert — neuere liegt hinter Glassnodes Bezahlschranke, und ich zitiere lieber alte offene Daten als frische unbelegte. Bestände von ETFs, Strategy und Staaten stammen aus Fonds-Meldungen, Treasury-Trackern und Arkham-Attributionen (jeweils im Text datiert); On-Chain-Zuordnungen zu Staaten sind Schätzungen, keine Bilanzen. Selbstauskünfte (Binance-Nutzerzahlen) sind als solche markiert. Bewusst weggelassen habe ich mehrere kursierende Zahlen zu „Wal-Käufen” im Juni 2026, die sich nur auf Pressemitteilungs-Portale zurückführen ließen.

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